Worüber euer Führungsteam nicht spricht
Jedes Führungsteam hat ein Thema, das nicht auf die Agenda kommt. Die Nachfolge, die niemand anspricht, solange der Gründer mit am Tisch sitzt. Das Projekt, das seit Monaten scheitert und in jedem Statusbericht ein wenig grüner wird. Die Überlastung, die alle sehen und keiner benennt. Der Konflikt zwischen zwei Bereichen, der längst mitentscheidet, wer befördert wird und wer geht.
Du kennst euer Thema. Vermutlich musstest du gerade nicht lange überlegen.
Das ist das Merkwürdige an Tabus in Organisationen: Sie sind keine Informationslücke. Alle wissen Bescheid. Ein Tabu ist eine Sprechregel · darüber reden wir hier nicht. Niemand hat sie beschlossen, niemand könnte sagen, seit wann sie gilt. Aber jeder im Raum hält sich daran, und wer sie bricht, spürt sofort, dass er etwas gebrochen hat.
Der Preis dafür ist hoch, und er wird täglich fällig. Denn was nicht besprochen werden darf, verschwindet nicht. Es arbeitet weiter · in Entscheidungen, die immer wieder vertagt werden. In Meetings, die einen Bogen um den eigentlichen Punkt machen. In der Ironie, mit der das Thema gestreift wird, weil Ironie die einzige erlaubte Form ist. Das Unbesprochene führt mit · nur ohne dich.
Für meine Podcast-Reihe habe ich vor Kurzem mit Claudia Cardinal gesprochen, einer Hamburger Sterbe- und Trauerbegleiterin. Sie benennt die drei großen Tabus unserer Gesellschaft: Sexualität, Geburt, Tod. Und sie sagt einen Satz, der mich seitdem begleitet: „Wenn wir nicht wissen, was wir sagen wollen, kommt es aufs Schloss."
Aufs Schloss. Nicht weg. Verschlossen ist etwas anderes als verschwunden · es liegt da, es wartet, und es bestimmt mit, wie wir uns im Haus bewegen. Organisationen sind darin nicht anders als Gesellschaften. Auch sie legen aufs Schloss, wofür ihnen die Worte fehlen. Und oft fehlen die Worte nicht, weil das Thema zu klein wäre · sondern weil es zu groß ist für die Geschwindigkeit, in der geredet wird.
Das ist der zweite Gedanke, den ich aus diesem Gespräch mitgenommen habe · und er steckt nicht im Inhalt, sondern im Format. In dieser Podcast-Reihe gilt eine Regel: Nach jeder Frage und nach jeder Antwort folgen 60 Sekunden Stille. Eine Minute, in der niemand antworten muss. In dieser Minute verliert das schnell Gesagte seinen Vorsprung. Denn Tabus überleben in schnellen Räumen. Wer sofort antworten muss, greift zum Sicheren · zur Zahl, zum Zuständigkeitshinweis, zum nächsten Tagesordnungspunkt. Die schnelle Antwort ist der beste Schutz vor dem schweren Thema.
Deshalb glaube ich nicht, dass du ein Tabu per Ansage brechen kannst. „Lasst uns mal ganz offen reden" hat noch selten Offenheit erzeugt. Was du verändern kannst, ist der Raum: das Tempo herausnehmen. Aushalten, dass nach einer Frage nichts kommt · und die Pause nicht selbst füllen. Räume schaffen, in denen niemand sofort antworten muss. Nicht das Tabu wird zuerst gebrochen · zuerst wird der Raum gebaut, in dem es gesagt werden kann.
Eine Frage zum Schluss: Welches Thema liegt bei euch aufs Schloss gelegt im Raum · und was müsste sich an euren Gesprächen ändern, damit es gesagt werden darf?
Das Gespräch mit Claudia Cardinal · über die großen Tabus, die Sprache dafür und die Wirkung von 60 Sekunden Stille · ist als Folge von Dialog·pause im Norden erschienen: dialogpause-nord.de/episoden/claudia-cardinal