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Montag. 09:14 Uhr. Probleme.

Montag. 9:14 Uhr.

Die Tür geht auf. „Hast du kurz?“

Du hast nicht kurz. Aber du nickst. Und dann liegt es auf deinem Tisch. Das erste Problem des Tages. Noch warm.

Um 10:30 das zweite. Um 11:15 das dritte. Dazwischen E-Mails, die eigentlich Hilferufe sind. Telefonate, die mit „Ich wollte nur kurz fragen“ beginnen und mit einer halben Stunde enden.

Am Abend sitzt du da. Der Schreibtisch unsichtbar unter den offenen Schubladen anderer. Und du spürst diese Erschöpfung, die nichts mit Arbeit zu tun hat.

Du hast den ganzen Tag gelöst. Entschieden. Getragen.

Aber geführt? Geführt hast du zu wenig.

Du spürst es. Irgendwo zwischen dem dritten Kaffee und dem fünften „Hast du kurz?“ ist dir etwas abhandengekommen. Nicht die Zeit. Nicht die Energie. Etwas anderes.

Vielleicht: du selbst.


Die Etiketten, die wir glauben

Irgendwann ist mir etwas aufgefallen.

Jeder, der zu mir kommt, bringt ein Etikett mit. „Problem.“ „Dringend.“ „Muss sofort gelöst werden.“ „Konflikt.“ „Krise.“

Die Etiketten sind unterschiedlich. Aber die Erwartung ist immer dieselbe: Nimm es an. Trag es. Löse es.

Und ich? Ich habe die Etiketten geglaubt. Jahrelang.

Wenn jemand sagte „Ich habe ein Problem“, dann hatte er ein Problem. Wenn jemand sagte „Das ist dringend“, dann war es dringend. Ich habe nicht gefragt. Ich habe funktioniert.

Bis ich irgendwann merkte: Die Schubladen auf meinem Schreibtisch · keine davon war meine. Ich war zum Möbellager geworden. Zum Aufbewahrungsort für die Unsicherheiten anderer.

Das ist keine Führung. Das ist Dienstleistung.


Was ist ein Problem wirklich?

Die Frage klingt banal. Ist sie nicht.

Was wir „Problem“ nennen · ist eine Schublade. Ein Etikett, das wir dem Leben überstülpen, um uns sicherer zu fühlen. Um zu wissen, wie wir reagieren sollen.

Aber das Leben kennt keine Etiketten. Auch nicht im Unternehmen. Es kennt nur Bewegung. Veränderung. Situationen, die kommen und gehen.

Ein Problem ist nichts anderes als: Eine Situation, in der unsere gewohnten Muster nicht greifen. In der wir nicht wissen, was wir tun sollen. In der unsere scheinbare Sicherheit schwindet.

Das erklärt, warum dieselbe Situation für den einen ein Problem ist · und für den anderen nicht. Es liegt nicht an der Situation. Es liegt an den Mustern, die wir mitbringen.

Und als Führungskraft erlebst du das potenziert. Nicht nur deine eigenen Muster stoßen an Grenzen. Du erlebst auch, wie die Muster deines gesamten Teams an Grenzen stoßen. Täglich. Stündlich. Manchmal minütlich.

Die Frage ist: Was tust du damit?


Die Versuchung der Lösung

Die Versuchung ist groß. Und sie ist verständlich.

Jemand kommt mit einem Problem. Du hast eine Idee. Du teilst sie. Das Problem ist gelöst. Der Mensch geht. Du fühlst dich nützlich.

Alle gewinnen. Oder?

Nein.

Was wirklich passiert: Du hast dem anderen beigebracht, dass er zu dir kommen kann, wenn er nicht weiter weiß. Dass du die Antworten hast. Dass er sie nicht selbst finden muss.

Du hast seine Schublade genommen · und auf deinen Stapel gelegt.

Nächste Woche kommt er wieder. Mit der nächsten Schublade. Und du wunderst dich, warum dein Team nicht eigenständiger wird.

Alte Muster. Alte Lösungswege. Entscheiden. Weitermachen.

Das funktioniert. Kurzfristig.

Langfristig baut es Abhängigkeit. Und es erschöpft dich.


Was dein Team wirklich braucht

Was, wenn dein Team gar nicht deine Lösungen braucht?

Sondern deine Präsenz?

Nicht deine Antworten · sondern deine Fragen?

Nicht deine Sicherheit · sondern deine Offenheit?

Das ist unbequem. Weil es bedeutet: Du musst aushalten, nicht zu wissen. Du musst aushalten, nicht sofort zu handeln. Du musst aushalten, dass der andere mit seiner Unsicherheit sitzt · und du sitzt mit.

Das fühlt sich erst mal falsch an. Wir sind trainiert auf Effizienz. Auf Lösungen. Auf Ergebnisse.

Aber Führung ist keine Effizienzübung. Führung ist Beziehung. Und Beziehung braucht Raum. Braucht Zeit. Braucht Präsenz.


Der Anfänger-Geist

Im Zen gibt es ein Konzept, das mich seit Jahren begleitet: Shoshin. Der Anfänger-Geist.

Der Geist, der nichts voraussetzt. Der nicht weiß, sondern staunt. Der nicht einordnet, sondern wahrnimmt.

Ein Anfänger sieht eine Situation und fragt: Was ist das? Was passiert hier? Was braucht das?

Ein Experte sieht eine Situation und sagt: Das kenne ich. Das ist ein X. Dafür mache ich Y.

Der Experte ist schneller. Der Anfänger sieht mehr.

Als Führungskraft bist du Experte. Du hast Erfahrung. Du hast Muster. Du hast Lösungen, die funktioniert haben.

Aber genau das kann zur Falle werden.

Weil du aufhörst zu sehen, was wirklich da ist. Weil du anfängst zu sehen, was du erwartest.

Shoshin bedeutet: Die Expertise behalten · aber die Offenheit des Anfängers bewahren. Jede Situation neu betrachten. Jede Person neu wahrnehmen. Jede Schublade, die jemand bringt, erst mal als das sehen, was sie ist: Eine Situation. Nicht mehr. Nicht weniger.


Ein Experiment

Stell dir vor: Morgen früh. 9:14 Uhr. Die Tür geht auf. „Hast du kurz?“

Und statt das Problem anzunehmen · hältst du inne. Atmest.

Du fragst nicht: Wie löse ich das?

Du fragst: Was erlebe ich hier gerade wirklich? Was braucht dieser Mensch? Was braucht diese Situation · jenseits aller Etiketten?

Vielleicht merkst du: Der Mensch vor dir braucht keine Lösung. Er braucht, dass jemand zuhört. Dass jemand seine Unsicherheit aushält, ohne sie wegzumachen.

Vielleicht merkst du: Die Situation braucht keine Entscheidung. Sie braucht eine Frage. Eine, die der andere sich selbst noch nicht gestellt hat.

Vielleicht merkst du: Das „Problem“ ist gar keins. Es ist eine Veränderung, die Angst macht. Und die Angst braucht Raum · nicht Ratschläge.

Keine Schublade. Nur Gegenwärtigkeit.

Das ist keine Schwäche. Das ist Führung.


Das Härteste, was ich kenne

Ein Satz begleitet mich in letzter Zeit:

Was immer kommt, ich schenke ihm Liebe. Was immer. Ich nehme es in Liebe an.

Klingt weich. Klingt vielleicht sogar esoterisch.

Ist das Härteste, was ich kenne.

Weil es bedeutet: Ich höre auf, gegen die Situation zu kämpfen. Gegen den Menschen vor mir. Gegen das, was ist.

Ich höre auf, Etiketten zu kleben. Problem. Störung. Zeitfresser. Nervensäge.

Ich sehe, was da ist. Und ich nehme es an.

Das heißt nicht, dass ich alles gut finde. Das heißt nicht, dass ich keine Grenzen setze. Das heißt nicht, dass ich ja sage zu allem.

Es heißt: Ich verschwende keine Energie mehr im Kampf gegen die Realität. Ich nutze meine Energie, um mit ihr zu arbeiten.

Ich steige in den Fluss ein · und fließe mit.

Nicht passiv. Nicht gleichgültig. Sondern gegenwärtig. Offen. Bereit.


Führung als Raum

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Führung.

Nicht der Träger der Probleme zu sein. Sondern der Raum, in dem sich Situationen verwandeln können.

Ein Raum, in dem Menschen ihre eigenen Antworten finden. In dem Unsicherheit sein darf · ohne sofort weggemacht zu werden. In dem Fragen wichtiger sind als Lösungen.

Das ist anspruchsvoller als Probleme zu lösen. Und es ist wirksamer.

Weil es Menschen wachsen lässt. Weil es Teams selbstständiger macht. Weil es dich entlastet · nicht von heute auf morgen, aber nachhaltig.


Morgen. 9:14 Uhr.

Die Tür geht auf.

Was tust du?

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